Nach einem Jahrhundert voller Makro- und Mikrobildwelten ist es fast nicht mehr möglich, sich bei der Betrachtung abstrakter Bilder die sich einfindenden Assoziationen vom Leib zu halten. Abstrakte Kunst kann nicht mehr so leicht als autonomer, im Sinn von weltreferenzfreier Ort, wahrgenommen werden.

 

Sirens (2011) von Ryoichi Kurokawa

Am schmalen Grat zwischen reiner Abstraktion einerseits und Darstellung von Welt andererseits liegen Bedeutungslosigkeit und Sinnhaftes nahe nebeneinander. Wilhelm Worringer hat in seiner Doktorarbeit von 1907 den Abstraktionsdrang vom Einfühlungsdrang unterschieden. Der Wille zur Abstraktion äussert sich z.B. im Ornament, die Einfühlung in der abbildenden Darstellung. Die Phytagoräer konnten mit der Mathematik die Welt in Zahlen denken und mit Hilfe der Geometrie wieder in Bildformen darstellen. Mit Hilfe von Algorithmen und Parameter ist es möglich, Qualitäten in Quantitäten umzuwandeln und anschliessend über die unterschiedlichsten Parameter wieder ins Bild- oder in Bewegung zu setzen.

 

2iPM009 (2009) von Magdalena Fernandez

Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit sich beim Betrachten abstrakter Muster und Strukturen, Bedeutung und Sinn aufdrängen können. Als wollte unser Denken die Referenzlosigkeit zu unserer erkennbaren Welt nicht zulassen. Bei einem regen- und gewitterähnlichen Geräusch vermögen selbst vertikal- und horizontal sich kreuzende Linien nicht, die Illusion von Regen zu zerstören.

 

Floccus (1999 – 2011) von Golan Levin

“(…) Dennoch kann es vorkommen, dass das Geflecht von Farbspuren und -flecken vereinzelte figurale Merkmale in sich aufnimmt (…) die abstrakte Linie ( …) kann von Zügen heimgesucht werden, die Mensch, Tier oder Pflanzen eignen. Schon Worringer weisst darauf hin: „Die abstrakte Kraftlinie ist (…) reich an Tiermotiven.“ Sofern diese Linie aber keine Formen umreisst, handelt es sich nicht um Figuren, die dem perzeptiven Feld von Ähnlichkeit und Gestalt entspringen. Der Eingang figuraler Qualitäten in den Strudel materieller Linienzüge und Bewegungsspuren erscheint darum nicht als eine Wiederkehr der Form, sondern vielmehr als „Ununterscheidbarkeitszone der Linie, sofern sie verschiedenen Tieren, dem Menschen und dem Tier und der reinen Abstraktion gemeinsam ist (Schlange, Bart, Band)“ (…)”
(In ihrem Text “Abstrakte Linien” bezeihen sich an dieser hier zitierten Stelle C.Meister/W.Roskamm auf Deuleuze und Worringer. In: “Struktur, Figur, Kontur” S.230, Hrsg. Blümle/Schäfer, 2007)

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Written by Elisabeth Ritschard