Ausschnitt aus dem Textbeitrag von Eva Fischer zum E-Book ‚Digitale Abstraktionen‘
(erscheint Anfang Mai 16)

ABSTRAKTION UND DAS GENERATIVE IN DER AUDIOVISUELLEN KUNST
Kandinskys Streben, die Malerei auf den Weg der musikalischen Komposition zu führen, wird im Generativen Realität. Standen laut Kandinsky der Malerei die zwei Elemente Farbe und Form zur Verfügung, so arbeitet die audiovisuelle Kunst mit den Elementen Klang und Licht sowie den Dimensionen Zeit und Raum. Die Komposition als dramaturgisches Element bekommt im generativen Audiovisuellen eine neue Bedeutung. Versucht man etwa in der Arbeit mit Film- und Videomaterial mit Hilfe von Handlungsanweisungen oder Notation, Musik und Visuelles in der Performance gleichzuschalten, so ermöglicht das Arbeiten mit Code diese Koppelung schon in der Komposition per se. Da es sich meist um reaktive Systeme handelt, kann die Manipulation eines Parameters beider Medien jeweils die andere in Echtzeit mitbeeinflussen. Im Vjing– um hier noch einmal den Unterschied aufzuzeigen – handelt es sich immer um eine Re-Aktion auf ein anderes Medium. Im Generativen hingegen bedingen sich Auditives und Visuelles gegenseitig und werden als gemeinsames Drittes gedacht.

KünstlerInnen der Austrian Abstracts wie LIA oder Tina Frank haben diese Möglichkeiten zum eigenen künstlerischen Forschungsgebiet gemacht. Die Wiener Visualistin und digitale Künstlerin LIA arbeitet seit den frühen 1990er Jahren in diesem Bereich. Ihr primäres Werkzeug als „Live Visual Artist“, wie sie sich selbst bezeichnet, ist Code, den sie als Sprache einsetzt, um ein künstlerisches Konzept in eine Art „Maschine“ zu überführen, die multimedialen real-time-Output generiert. Im Kommunikationsprozess mit dieser Maschine arbeitet LIA auf den Punkt hin, an dem das geschriebene Programm die Inputs der Künstlerin zu ihrer Zufriedenheit interpretiert. LIAs malerische und zugleich abstrakte Arbeiten zielen auf das Unterbewusste in der Betrachtung hin. Die Möglichkeit der Übersetzung von Daten in audiovisuelle Welten steht dabei im Vordergrund.

lia, alteration 109, 2013

Tina Frank hat ihre Wurzeln im Web- und Grafikdesign und gestaltete Mitte der 1990er-Jahren Plattencover für experimentelle elektronische Musik des Labels MEGO. Auch sie arbeitet mit Code und Übersetzungsprozessen. Sie kreiert ihre Live-Visualisierungen beispielsweise aus Audio-Frequenzen, die durch einen „Synchronator“ geschickt, digitalisiert und in Echtzeit in eine visuelle Projektion überführt werden. Das Übersetzen von zwei Sprachen in eine gemeinsame dritte Sprache des Audiovisuellen steht im Fokus. (-)


Music: COH (Ivan Pavlov), Video: Tina Frank, recorded live in September 2013

Diesen Zugängen ist der Zufall* als ein wichtiger künstlerischer Parameter gemein. Das Aufgeben eines gewissen Teils der Kontrolle wird zur Methode und lässt der Maschine den Freiraum zur Interpretation der vom Künstler/ von der Künstlerin vorgegebenen Daten und Parameter. Fast alle KünstlerInnen in diesem Bereich arbeiten mit Programmen wie vvvv, max/msp & jitter, quartz composer, processing oder mit selbst programmierten Sprachen. Die „Algorithmische Abstraktion“, wie Pfaffenbichler sie in seinem Katalogtext zur Ausstellung „Abstraction Now“ einordnet, kann als Quintessenz der digitalen Abstraktion gesehen werden:
„Der Künstler als Programmierer erarbeitet eine eigenständige (Bild – und Maschinen-)Sprache. Diese jüngste Methode unter den möglichen Abstraktionsstrategien stellt sicherlich die konsequenteste und progressivste Vorgehensweise dar, da nicht nur die Bildelemente sondern auch deren Produktion autonom und abstrakt geworden sind.“ (Norbert Pfaffenbichler, „Vom Tafelbild zum Rechenprozess. Anmerkungen zum Phänomen Abstraktion in der Gegenwartskunst“, in: Künstlerhaus Wien, Norbert Pfaffenmbichler und Sandro Droschl (Hg.), „Abstraction Now“, Ausstellungskatalog, Wien 2003, S. 22)

* „Die Technik der Computation – der Berechnung auf einem Computer – beinhaltet beim Design einer digitalen Komposition auch die Komponente des Zufalls: KünstlerInnen legen bestimmte Regeln fest, der Computer führt diese Prozesse aus und liefert innerhalb der vordefinierten Bedingungen Resultate – eine endlose Zahl an visuellen Möglichkeiten ist das Ergebnis. Obwohl visuelle KünstlerInnen hierbei die Kontrolle über den Prozess und die Prozess-Bedingungen behalten, ergeben sich durch den Faktor Zufall auch Resultate, die am Beginn des Prozesses kaum vorherzusehen waren.“

 

Eva Fischer ist die künstlerische Leiterin von ‚sound:frame – festival for audiovisual expressions‘ in Wien.

Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on Pinterestshare on TumblrGoogle+Share on LinkedIn

Written by gast