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16.06.2009 12:59
#9
Den Weltraum darstellen / nachspielen / simulieren  en allemand/anglais
Neu in Auftrag gegebene Kunstwerke, Essays, Animationen und Gedichte, die von unserer Bestrebung handeln, uns Raum vorzustellen, ihn zu begreifen und darzustellen

Bildnachweis: Joe Winter, Bild aus dem Projekt „Xerox Astronomy and the Nebulous Object-Image Archive" 2008.
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2004 nahm ich am Banff New Media Institute für Neue Medien an einer Konferenz zum Thema "re-enactment" teil, das den Untertitel „Modeling the Unseen“ trug. Drei Tage lang erörterten Wissenschaftler und Künstler gemeinsam die Tücken des Einsatzes von Computersimulationen zum Verständnis sowohl der gelebten als auch theoretischer Welten, von den abweichenden Berichten der Erstbesteigung des Mount Everest bis hin zum imaginären Zusammenprall zweier Galaxien. Mehrmals wurde davon gesprochen, dass jede Simulation – d.h. die Modellbildung von Phänomenen am Computer, sei es auf Grundlage von empirisch gesammelten Daten oder hypothetischen Parametern, voraussetzt, dass der Wissenschaftler mentale und anschließend virtuelle Modelle erschafft, und dass darüber hinaus auch die Verfahren und Hilfsmittel bei den unzähligen Schritten dieser Schöpfung ihre eigene Bedeutung haben. Beispielsweise wird die Nachbildung eines Sonnensystems mit Hilfe gefärbter Kartoffeln an Drähten ganz anders ausfallen als eine mit ausgedruckten Bildern aus dem Internet. Will man die ursprüngliche 'Objekt'-Anordnung simulieren, um sie eingehender zu untersuchen - sei es ein Sonnensystem, ein gesammelter Datensatz über das an einem Korallenriff vorhandene Nahrungsnetz oder eine historische Schlacht anhand von durch Historiker zusammengestellten Beschreibungen, dann ist es notwendig, eine Übertragung von Daten auf Bilder vorzunehmen, von Objekten auf den Bildschirm. Durch den Prozess der Simulation wird jedoch ein neues Objekt geschaffen, gleichgültig, ob digital oder in anderer Form, nämlich die Simulation selbst. Und doch ist das neue Objekt die blosse Abbildung des Originals – eines Originals, das man nicht kennen kann. Können also Simulationen oder Modelle für die Wirklichkeit stehen oder an ihre Stelle treten? Und, wie die Organisatorin der Konferenz Sara Diamond damals fragte: wenn eine Simulation ein Hilfsmittel für Entdeckung ist, verändert sie das Wesen des Entdeckten?

Für Künstler gehört das zum Alltag. Die Darstellung des Imaginären, der gelebten Erfahrung, der Welt - genau mit diesem Gebiet befassen sie sich. Caden Cotard, die Hauptfigur in Charlie Kaufmans Film Synecdoche New York, versucht jeden Tag in realer Zeit und Raum maßstabsgetreu die Einzelheiten des Alltags nachzubilden - die flüchtigen Gespräche der Vorübergehenden und die traumatischen Begegnungen von Menschen. Auch der Protagonist in Tom McCarthys Roman Remainder versucht, Szenen aus dem Leben vor seinem Schädeltrauma nachzustellen und baut in dem Bemühen, eine simple Begegnung mit einer Nachbarin im Treppenhaus, die ihren Müll wegbringt, noch einmal zu erleben, seinen ganzen Wohnblock nach. Künstler, Roman-Autoren, Dramaturgen und Filmemacher sind sich bewusst, dass ihrer täglichen Simulationsarbeit ein unvermeidliches Maß an Verlust oder Fehlerhaftigkeit anhaftet, das eigentlicher Bestandteil ihrer Arbeit ist. Mit diesem Mangel können sie leben, ja sie können ihn sogar ausnutzen, um ihren eigenen Blickwinkel besser herauszuarbeiten. Für Wissenschaftler, die die Wahrheit der Welt ergründen wollen, kann dieses potenzielle Scheitern jeder Abbildung dagegen zum bohrenden Problem werden.

Daher beginne ich in der Reihe der Auftragswerke für das Beam me up-Projekt mit einem grundlegenden Essay des Astrophysikers Guillaume Belanger. Beim Beobachten von etwas, das wir nur in der Theorie kennen - nämlich das schwarze Loch im Mittelpunkt unseres Universums -, wird er als Wissenschaftler spielend damit fertig, dass wir in Wirklichkeit nur wenig gesichertes Wissen haben, wie objektiv die Daten oder wie klar die Beobachtungen auch sein mögen. In seinem Essay zeigt er auf, dass die Beschreibungen der Schwerkraft, der Physik, des Raumes und unserer Welt eben nur Beschreibungen sind und sich im Lauf der Zeit unweigerlich verändern, anpassen, weiterentwickeln und exakter oder auch verworrener werden. Er geht von der Prämisse aus, dass Konzepte, Wahrnehmungen und Überzeugungen uns dem Verständnis der Welt und unserer selbst nicht näher bringen, weil sie auf Gedanken und nicht auf der wirklichen Erfahrungen der Welt basieren, wie sie sich tatsächlich in diesem konkreten Augenblick darstellt.

Ich bin fasziniert von dem Unvermögen aller Darstellungen und unserer wiederholten Anstrengung, es trotzdem zu versuchen; mit Worten, Bildern und Handlungen. Mir ist klar, dass Darstellungsversuche von der untersuchenden Person die Überzeugung, ja eine Art Vertrauen darauf abverlangen, etwas Neues erfahren zu können, wenn die mentale Übertragung eines Gegenstands in sein Modell geleistet und das Objekt in einer neuen Dimension erfasst wird, in einer neuen Geschwindigkeit, in einem neuen Medium. Und deshalb freue ich mich, ein neues Werk des Künstlers Jamie O´Shea in die Reihe dieser Auftragswerke aufnehmen zu können. Durch die Schöpfung einer physikalischen Simulation - eines Objekts - aus einem digitalen Datenstrom, hat Jamie Zeit und Raum relativiert. Dieses neue greifbare Objekt verwandelt er wiederum in einen Datenstrom, der sowohl in Echtzeit als auch im Zeitraffer betrachtet werden kann; so entsteht die beschleunigte Simulation eines Phänomens, das aus der Beobachtung eines entfernten Objektes geschaffen wurde, eines Objektes, von dem wir nur annehmen können, dass es tatsächlich vorhanden ist, weil wir keinen empirischen Beweis aus erster Hand haben. Wenn dies alles etwas verworren klingt, so liegt das daran, dass es tatsächlich verworren ist. Auf dem Mars gibt es einen Roboter, und dieser von Menschen gebaute Roboter sucht nach möglichem Leben auf dem Mars. Letztes Jahr hat der Roboter Eis gefunden. Seine Beobachtung des Eises, mag man einwenden, hat das Eis zum Schmelzen (oder Verdampfen) gebracht und die einzige Spur davon war die digitale Übertragung. Der Roboter Lander selbst wurde dann vom Eis eingeschlossen, weil auf dem Mars der Winter einsetzte. Jamie hat die elektronischen Signale der Sonde nun lange Zeit verfolgt und empfindet seine Kommunikation mit uns Erdlingen beinahe als überirdisch, als religiös. Daher hat er für die beobachteten Phänomene Schreine errichtet. Es handelt sich um Jamies eigene Nachbildung oder Darstellung der NASA-Sonde - in diesem Falle ein Toaster -, den man per Webcam verfolgen kann. Beim realen Roboter ist das nicht wirklich möglich, an dessen Existenz auf dem Mars kann man nur glauben. Wie bei den meisten technisch ausgereiften Simulationen kann man den Toaster in seinem Kühlschrank in zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten einfrieren und auftauen sehen - einmal als Livebild in einer Wiedergabe mit der selben Zeitverzögerung wie die Bilder vom Mars, d.h. ca. 12 Minuten, und einmal im Zeitraffer, wobei man in zwei Minuten eine Woche vergehen sieht.

Das gleiche Unvermögen, einen anderen Raum darzustellen, eine andere Existenzebene, aber auch die Unmöglichkeit, das Vergehen von Zeit zu repräsentieren, wird im Werk von Joe Winter deutlich, einem weiteren eingeladenen Künstler. Joe befasst sich mit der Frage, was Informationen sind. Er untersucht, wie wir Daten Wert beimessen, und fragt, warum einige Schallsignale Musik sind und andere Lärm. 2008 hat John im Rahmen einer von mir kuratierten Ausstellung eine Sternwarte für einen fiktiven Wissenschaftler geschaffen. Nach dem Vorbild der omnipräsenten und nichtssagenden Bürozelle gestaltet, befand sich im Mittelpunkt der Sternwarte kein hochtechnisches Teleskop, sondern eine schlichte „Beobachtungsmaschine“, noch dazu eine, die wie die Sonne in unserem Sonnensystem Licht aussendet - nämlich ein Fotokopierer. In Joes Projekt Xerox Astronomy and the Nebulous Object-Image Archive wurden die Betrachter gebeten, in die Rolle des imaginären Wissenschaftlers zu schlüpfen und sich die Ausdrucke aus dem Fotokopierer anzusehen, um ihren Wert als Information bzw. Darstellung zu bestimmen. Die Bilder des „nebulösen Objekts“ bestanden aus automatischen Abzügen des auf der Glasfläche des Kopierers befindlichen Staubs sowie Reflektionen büro-typischer verstellbarer Schreibtischlampen, die langsam über dem Kopierer kreisten. Für sich betrachtet, ohne den Zusammenhang der Bürozellen-Sternwarte, konnten die Kopien leicht als Sternenkarten gedeutet werden, als grobkörnige, von einem im Weltraum kreisenden Sichtgerät übertragene und heruntergeladene Ausdrucke. Joes Interesse an Beobachtungstechnologien gilt heute neueren Technologien, in diesem Fall einem Flachbettscanner. Für den vorliegenden Online-Auftrag,  Progressive Scan Studies, hat er Animationen aus Filmstreifen geschaffen, indem er Videos im Moment des Abspielens eingescannt und die einzelnen gescannten Frames wieder zusammen gefügt hat. Hier erhalten die Dauer des Zuschauens und die Übertragungszeit die gleiche Wichtigkeit, wobei der Betrachter die Geschwindigkeit, mit der die simulierten Räume vorbeiflackern, selbst kontrollieren kann.

Der Dichter und Künstler Alec Finlay, Verfasser eines 100-jährigen Sternenkalenders, hat uns freundlicherweise die Erlaubnis erteilt, an dieser Stelle ein visuelles Gedicht zu veröffentlichen, das nach einem Gespräch mit seiner Freundin, der Künstlerin und Kuratorin Honor Harger entstand. Diese belauscht die Sterne und realisiert dabei auch eine Übertragung von abstrakten Informationen in einen greifbaren Sinngehalt. Provokativ wird der Betrachter aufgefordert, sich selbst in einem unmöglichen Raum- und Zeit-Zustand vorzustellen, ja sogar bevor es Raum und Zeit gab, wie sie uns geläufig sind, nämlich im Augenblick des Urknalls. Ebenso wie Guillaumes Essay, in dem unsere auf Sinneswahrnehmungen gestützte Erfahrung der Welt in Frage gestellt wird, erinnert uns Alecs Gedicht durch die bloße Fragestellung an die Unmöglichkeit, etwas zu begreifen und darzustellen, das so groß und alt ist wie das Universum, wenn uns doch nur unsere Augen und Ohren, unser Tasten, Schmecken und Riechen zur Verfügung stehen.

Doch in unserem Gefühl des Versagens angesichts der 'Unfähigkeit zur Darstellung“ und der vergeblichen Versuche, Gegenstände in Modelle zu übersetzen, Fakten in Simulationen, kommt uns Jayanne English zu Hilfe. Mit dem Beitrag dieser äußerst optimistischen Astronomin, der erst im Lauf des Sommers fertiggestellt wird, soll die erste Reihe an Auftragswerken für das Beam me up-Projekt abgerundet werden. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit unterrichtet Jayanne Künstler wie Wissenschaftler und Laien darin, Digitalbilder mit Hilfe von Daten zu erzeugen, die aus der Beobachtung des Weltraums stammen. Diese Public Outreach-Bilder sind bedeutungsvoll, weil sie unsere Vorstellung vom Weltall widerspiegeln, wo wir doch keine Ahnung von dem haben, was wir sehen können, was unsichtbar aber bewiesenermaßen existent ist, (wie das Wasserstoffgas in ihrer Animation hier), und was nur hypothetisch existiert - und uns dabei nicht einen Deut darum scheren, dass keiner von uns jemals wirklich den Weltraum gesehen hat oder gar dort gewesen ist. Am Computerbildschirm arbeitet die Astronomin Jayanne zusammen mit ihren Kollegen an der Entscheidung, wie die aus den weltweit von Astronomen gesammelten Daten generierten Bilder letztendlich aussehen sollen, - dazu gehören beispielsweise auch Bilder, die das Hubble-Teleskop zur Erde gesendet hat. In ihrem im September erscheinenden Essay wird der Bildschirm als Schnittstelle zwischen dem Bekannten und dem Vorgestellten erörtert.

Gemeinsam laden uns all diese neuen Texte und Kunstwerke, Filme und Studien dazu ein, über die Lust an unseren immer wieder scheiternden Versuchen nachzudenken, sowohl unsere Lebenserfahrungen auf der Erde als auch unseren Mangel an gelebten Erfahrungen im Weltraum darzustellen. Hier auf dem Bildschirm unternehmen diese Werke den Versuch, uns mit der Unmöglichkeiten zu versöhnen, für unser Verständnis des Weltraums eine Darstellungsform zu finden. Bei der Beschäftigung mit dem Prozess der Übertragung von Daten zum Bild, vom Objekt zum Bildschirm, entstehen neue Objekte - Simulationen, Neuschöpfungen, Nachstellungen –, aber auch neue Übersetzungen. Indem sie uns helfen, das zu begreifen, was wir nicht wissen können, sind sie selber äußerst real.


04.06.2009 14:08
#43
KOSMISCHE ORTE: WIE DER FERNE RAUM UND DIE PERSÖN-
LICHE WAHRNEHMUNG AM MONITOR AUFEINANDER TREFFEN  en allemand/anglais
Dr. Jayanne English von der Abteilung Physik und Astronomie an der Universität Winnipeg hat eine neue Animation vorgelegt, die kaltes und normalerweise für das menschliche Auge unsichtbaren Wasserstoff-Gas in unserer Milchstrasse anzeigt. Dr. English wandelt komplexe Datensätze aus Teleskopbeobachtungen des Weltalls in Bilder um; sie bestimmt die Farbe und die Form an ihrem Computerbildschirm.

04.06.2009 13:31
#45
UNTITLED  en allemand/anglais
Dieses unveröffentlichte Gedicht aus dem Jahr 2008 formuliert eine Frage zu den Ursprüngen des Universums. Diese kam während einer Unterhaltung zwischen Alec Finlay und der Künstlerin Honor Harger auf. Alec wird ein Gedicht mit der Antwort schreiben, wenn sie ihm irgendjemand nennen kann.

10.06.2009 12:49
#46
EINE 'PROGRESSIVE SCAN' STUDIE  en allemand/anglais
Ein Experiment in der linearen Durchquerung von Raum und Zeit. Joe Winters Animationen sind zugleich Filme und Zeichnungen von Räumen, die uns von der Alltagserfahrungen her vertraut sind, hier aber nur noch als Spuren digitaler Daten erscheinen.

10.06.2009 12:42
#51
SCHREIN der märtyrerhaften PHOENIX-SONDE  en allemand/anglais
Betrachten Sie im Zeitraffervideo von O'Sheas kleinem Schrein die im Eis gefangene Phoenix-Sonde der NASA auf dem Mars. Im marsianischen Frühling werden Sie sehen, wie das Eis um sie herum schmilzt.

10.06.2009 12:46
#42
Raum, Erfahrung und Erkenntnis  en allemand/anglais
Dr. Guillaume Belanger von der Gammastrahlen-Mission 'Integral' der Europäischen Weltraum-Organisation ESA (vom 'Science Operations Department' innerhalb des 'European Space Astronomy Centre' in Madrid) stellt in seinem neuen Essay Fragen nach unserer Welterkenntnis, nach unserem Wissen und letztlich nach uns selbst. Er umreisst seine Inspiration für diese einfachen aber grundlegenden Fragen im Kontext unserer Heim-Galaxie: ihren Sternen, ihrer Struktur und ihres Kerns, des supermassiven Schwarzen Lochs Sagittarius A*.
Des commentaires portant sur cette visite guidée
 

17.06.2009 12:21
Commentaire de Guillaume Belanger
I do not believe that any description can succeed or fail to represent our own lived experiences of outer space or of the everyday: descriptions are just descriptions and must be known as such. In solving a simple problem of determining the volume of water displaced by a horse in a pool, nothing prevents us from using a simplified description of the horse as a cylinder. In estimating the effects of the solar wind on the earth's atmosphere, nothing prevents us from using a simplified description of the Earth as being spherical even though there are seas and mountains. We imagine elementary particles as tiny little spheres, but we have no idea what it an elementary particle. We categorise charges as positive, negative and neutral, but these are conventions. We calculate the Compton effect of a photon---a particle of light---scattering off an electron as if they were billiard balls, and yet we solve field equations to calculate the energy levels of the electrons orbiting around hydrogen. We find this normal, but in a way, it is really crazy! These descriptions do not fail or succeed in representing the horse or the Earth, elementary particles, electrons and photons, because these or whatever it may be, are beyond description: any and every description cannot represent whatever is it describing; descriptions can be useful or not depending on the application. These are subtle points, but I believe that it is possible to express them either in simple or more complex terms, depending on the needs and the audience.